"Wird scho' nix passieren!" - Terrorangst auf Österreichisch

Der Jahreswechsel 2013/14 war ein absolutes Highlight in meiner bisherigen Moderationskarriere. Eigentlich ist das noch gar nicht so lange her. Und dennoch leben wir heute in anderen Zeiten. Zeiten, in denen kein Tag mehr ohne Schreckensnachrichten vergeht. Zeiten, in denen Moderatoren vom Veranstalter nicht mehr nur zu inhaltlichen Briefings, sondern zu Sicherheitsbriefings gebeten werden.

Als sich das Jahr 2013 dem Ende zuneigte, und ich zum ersten Mal für die Moderation einer Bühne am Wiener Silvesterpfad gebucht wurde, habe ich meine Aufmerksamkeit auf viele Dinge gerichtet: Auf die Wahl des richtigen Outfits für 12 Stunden Outdoor-Moderation bei Minusgraden. Auf Hustenbonbons. Auf Legwarmers, Handschuhe, eine unzerstörbare Frisur und ein bühnentaugliches Make-Up. Auf viele Dinge, aber bestimmt nicht auf Sicherheitscodes und Evakuierungspläne. Zwei Jahre später sollte sich das ändern.

Es war einer der letzten Tage im Dezember 2015 als ich mich mit einigen anderen Moderationskollegen in der Einsatzzentrale des Wiener Silvesterpfades einfand. Schön, wenn man wieder gebucht wird. Noch schöner, wenn man sich gemeinsam auf Feierlichkeiten in so großem Stil einstellen kann. Eigentlich. Aber irgendwie war die Vorfreude in diesem Jahr ein wenig getrübt. Genau wie die anderen versuche auch ich eingangs noch ein wenig Coolness in die Angelegenheit zu bringen und kommentiere die Ereignisse der letzten Wochen mit einer großen Portion Sarkasmus. Ja, die Anschläge in Paris sind - genau wie alle anderen Attentate, die sich in unserer Welt immer wieder ereignen - eine verdammte Tragödie. Aber man kann es mit Sicherheitsvorkehrungen auch übertreiben. Oder? Oder etwa nicht?

Das Briefinggespräch beginnt. Es fallen Begriffe wie "Notfalltexte" und "Sicherheitscodes". Jede Bühne hat ihren Stage Manager, der über Funk mit der Einsatzzentrale verbunden ist. "Sollte es zu einem der angeführten Szenarien kommen, weiß er was zu tun ist!"

"Szenarien" also. Ereignisse, die man sich eigentlich nicht einmal theoretisch vorstellen will, um die man in der Realität aber einfach nicht (mehr) herum kommt. Weder in den Nachrichten, noch im Rahmen eines Sicherheitsbriefings. Ich finde mich gedanklich in Situationen wieder, die mir Angst machen. Von der Evakuierung eines Platzes aufgrund eines unbeaufsichtigten/verdächtigen Gegenstands, über Schüsse, Explosionen bis hin zu einer ausgewachsenen Massenpanik ist alles dabei. Wir besprechen, was zu tun ist. Im Fall der Fälle. Wir sprechen über Prioritäten, über die eigene Sicherheit und über die Verantwortung, die ein Moderator in so einer Situation trägt. Über die Rolle, die er übernehmen sollte/könnte/müsste...

Dafür sind sie also da, die Codes und die Notfalltexte. Wenn es ernst wird, bekomme ich also eine Zahl zugerufen, um den vielen Menschen vor und rund um die Bühne standardisierte Anweisungen auf Deutsch und Englisch zu erteilen. Nein, so habe ich mir meinen Job nicht vorgestellt. Ich wollte, wie auch vor zwei Jahren, in hunderte, manchmal tausende Gesichter blicken, die voller Vorfreude dem neuen Jahr entgegen feiern. Ich wollte mich nicht auf "verdächtige" Personen konzentrieren oder darauf mir auszumalen, woher dieser oder jener laute Knall gerade kam, und ob es wirklich nur ein Böller war.

Als das Briefing nach gut einer Stunde erledigt ist, verabschieden wir uns mit den Worten "Mach' ma das Beste draus. Wird scho nix passieren!".

Ein paar Tage später ist es dann soweit. Um 14.00 Uhr eröffnet der Silvesterpfad und auf insgesamt 13 Bühnen starten die ersten von insgesamt 300 Künstlern und auch wir Moderatoren in einen 12-Stunden-Marathon, mit dem wir bis zu 250.000 Besucher ins neue Jahr begleiten. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ich stelle mich bereits eine Stunde vor Beginn auf die Gegebenheiten ein. Ich möchte genau wissen, wie es auf, unter und um die Bühne herum aussieht. Ich möchte jeden Menschen kennenlernen, mit dem ich die nächsten 12 Stunden verbringen werde. Jeden Bühnentechniker, die Catering-Crew und die Jungs von der Security. Ich stelle mich auch beim Oberinspektor des Polizei Teams vor, das gegenüber "meiner" Bühne Stellung bezogen hat. 

Dann trifft die erste Band ein. Ich spreche mich kurz mit der Lead-Sängerin ab, bevor sie in ihrem Garderoben-Container verschwindet, um sich auf ihren Auftritt vorzubereiten. Dann, zwei Minuten bevor ich die Bühne betreten will, hält sie mir ihr Handy unter die Nase und ist dabei sichtlich angespannt. Sie zeigt mir die Facebook-Seite ihrer Band, auf der ein Unbekannter gerade folgendes Posting veröffentlicht hat: "ByeBye". 

Später, als wir keine halbe Stunde mehr vom Jahreswechsel entfernt sind, steigt die Anspannung nochmals gewaltig an. Berichte aus München machen die Runde. Terrorwarnung. Ein Bahnhof musste evakuiert werden. Noch 15 Minuten bis Mitternacht. Die Notfalltexte liegen bereit. Die kubanische Band stimmt ihr letztes Lied an, bevor ich auf die Bühne gehe, um gemeinsam mit mehreren tausend Menschen aus aller Welt den Countdown herunterzuzählen. Ich atme nochmals tief durch und als die letzten Melodien verstummen blende ich alle negativen Gedanken aus, die mir seit dem Briefing vor ein paar Tagen immer wieder im Weg standen. Ich gehe auf die Bühne und will nur noch eines: Die Stimmung zum Kochen bringen!

Und dann ist es soweit. Nur noch 25 Sekunden...20...irgendetwas liegt in der Luft...Anspannung...Vorfreude...10, 9, 8, 7, 6, 5, 4...und dann ist alles egal, denn ich weiß, gleich wird es sich anfühlen, als würde eine große Last einfach abfallen. Dann ist alles irgendwie neu. Und die Hoffnung ist groß. Auf ein Jahr, das noch besser wird, als das vorherige. Ein Jahr, das in 365 Tagen vielleicht ohne Sicherheitsbriefing zu Ende gehen kann.

3...2...1...HAVE A SAFE NEW YEAR, EVERYONE!!