Von Druck, Stress und Niederlagen

Gestern hatte ich das Vergnügen an der 3. WKO Welcome Night teilzunehmen. Diesmal zum Thema: Wie mit Druck, Stress und unternehmerischen Niederlagen umgehen? Am Podium diskutierten Ali MAHLODJI (Whatchado), Mike LANNER, (ehem. Gebrüder Stitch) und Katha SCHINKINGER (Habibi). Ich hingegen habe zur Abwechslung einmal nur zugehört und darüber nachgedacht, wie es mir mit diesem Thema eigentlich geht.

Druck. Kenn ich. Kennen wir alle. Weil wir in einer Welt leben, die uns wahnsinnig viel Druck auferlegt. Wir sind getrieben von...ja, wovon eigentlich? Woher kommt dieses Gefühl ständig schneller, besser, weiter sein zu müssen als alle anderen? Wieso messen wir uns überhaupt mit allen anderen? Wieso fällt es uns so schwer, einfach unserem eigenen Tempo und unseren eigenen, individuellen Bedürfnissen zu folgen? Vielleicht, weil wir alle nicht mehr so genau wissen, was unsere Bedürfnisse eigentlich sind. Wir leben unter dem ständigen Einfluss von Reizen, von Bildern und Informationen, die in Massen auf uns einprasseln und uns unsere Bedürfnisse diktieren. Schön sollen wir sein, sportlich und gesund. Strebsam sollen wir sein, wohlhabend, kaufkräftig, glücklich. Wir klopfen uns auf die Schulter, wenn wir mal wieder besonders lang gearbeitet haben, freuen uns, wenn wir prall gefüllte Einkaufstaschen in Händen halten und empfinden schier unendliche Glücksgefühle, wenn unser aktuellstes Selfie überdurchschnittlich viele Likes bekommt. Tja, und so definieren wir dann Erfolg: Über Arbeitszeit, Geld, Hab & Gut (warum heißt das eigentlich so? Weil's mir gut geht, wenn ich es habe?) und unser virtuelles Netzwerk. Wahnsinn, da haben wir's ja wirklich ganz schön weit gebracht, oder? Endlich können wir uns den ganzen Gefühlskram sparen und unsere Zufriedenheit in Form einer Excel-Liste messen. Arbeitsstunden + Kontostand + Menge an Dingen, die ich besitze + Facebook-Freunde + Twitter- und Instagram-Follower + Likes/Monat = Meine ganz persönliche Erfolgsbilanz, die man Monat für Monat noch ein kleines Stückchen weiter nach oben treiben kann, wenn man nur genug dafür tut. Frei nach dem Motto: Immer schön am Ball bleiben!

Stress. Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt auf die Frage nach Ihrem Befinden mit "Bin im Moment ziemlich im Stress" geantwortet? Wann haben Sie zuletzt versucht ein Treffen mit guten Freunden zu vereinbaren, und das einzig freie Zeitfenster, das man zu finden im Stande ist, ist vom aktuellen Tag noch 3 - 6 Wochen entfernt? Stress ist allgegenwärtig. Stress gehört sogar zum guten Ton. Wer nicht im Stress ist, bei dem läuft doch irgendwas nicht ganz rund. Ein Mensch, der Zeit hat, hat doch ganz offensichtlich keinen Job, keine Familie, keine Hobbies, keine Aufgabe! Der kann doch nicht zufrieden sein, wenn er nichts tut. Was tut man überhaupt ohne Stress? Herumsitzen und in die Luft schauen? Da hat doch keiner was davon! Wo man doch tausend Dinge erledigen könnte, die...

...die vielleicht gar nicht wichtig sind. Wann sind Sie zuletzt einfach nur so da gesessen und haben in die Luft geschaut? Wann sind Sie zuletzt einfach mal stehen geblieben, haben richtig tief durchgeatmet und Ihre Umgebung auf sich wirken lassen? Oder einfacher: Wie oft kommt es vor, dass Sie einfach nur in U-Bahn, Straßenbahn oder Bus sitzen und auf Ihrem Weg von A nach B nicht in Ihrem Handy-Display versinken? Ich glaube ja, dass die Welt mal wieder mehr Langeweile vertragen könnte. Probieren Sie's mal: Handy aus, Fernseher aus, Computer aus. Hinsetzen. Warten bis ein beklemmendes Gefühl von Zeitverschwendung einsetzt und dann weiter warten, bis sich dieser ungewohnte Moment des Nichts-Tuns in einen Impuls verwandelt, der Sie - vielleicht nur ganz kurz, vielleicht aber auch langfristig - aus Ihrem Hamsterrad wirft. Ja, Sie werden auf Ideen kommen. Und ja, Sie werden sich vollkommen bescheuert dabei fühlen, aber Sie werden auch unglaublichen Spaß dabei haben. Versprochen ;)

Niederlagen. Es ist seltener geworden, dass wir so richtig böse auf die Schnauze fallen. Was meinen Sie? Wir sind doch viel zu korrekt, viel zu getaktet, viel zu gefangen in "vorgegebenen" Systemen, als dass wir uns trauen würden einfach nur das zu tun, wonach uns gerade ist, dem nachzugeben, was wir gerade fühlen, kurzum: ins kalte Wasser zu springen. Oder? Wie oft sind Sie schon "lieber auf Nummer sicher" gegangen anstatt einfach etwas auszuprobieren und zu riskieren, dass es schief geht? "Schief gehen" - was soll das überhaupt bedeuten? Eigentlich nichts anderes als: Wir haben uns den geraden Weg vorgenommen und jetzt gehen wir eben einen anderen. Etwas ist schlichtweg nicht so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben. Aber mal ehrlich: Wie geil ist das denn bitte? Wie langweilig wäre das Leben, wenn wir jeden Schritt, jede Wendung, jede Begegnung schon meilenweit vorhersehen könnten?

Die einzig wirkliche Niederlage ist doch, Dinge NICHT ausprobiert zu haben, oder? Und der einzig wirkliche Fehler ist zu funktionieren anstatt einfach nur zu sein wer man eben nun mal ist

Liest sich, als wäre es das einfachste auf der Welt, oder? Ist es wahrscheinlich auch. Ich werd's direkt ausprobieren, dann, wenn ich ausm Büro raus bin und die Einkäufe fürs Wochenende erledigt hab...ich muss dann nur noch kurz mit dem Handwerker telefonieren wegen nächster Woche...und die Buchhaltung steht an, aber die nehm ich direkt mit nach Hause und dann ab nächsten Dienstag könnt ich...ah nein, da war der Termin mit...Mittwoch! Ja, Mittwoch geht. Dann aber wirklich...!